| GRÜNDUNG-AKTUELL 23 / 2007 - 03.07.2007 Motive und Erfolgsfaktoren von Gründern über 50 Bernhard Ufholz | ||||||||
| Das Gründungsgeschehen in Deutschland wird im niederschwelligen Segment von der Wissenschaft immer noch wenig beachtet. Mit einer empirischen Studie wollte das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) gGmbH diese Forschungslücke schließen. Wir haben 128 Gründerinnen und Gründer im Großraum Augsburg befragt und unsere Ergebnisse in einem praxisorientierten Forschungsbericht „Existenzgründung – ein Weg aus der Arbeitslosigkeit“ veröffentlicht. Verbreitet ist in der Gründungsforschung seit Joseph Schumpeter das Bild des „Entrepreneurs“ als der genialen Gründerpersönlichkeit. Dieser „Nimbus der Genialität“ bestimmt allzu oft auch die Beratungspraxis. Es werden nur solche Gründer beraten, die bereits eine vermeintlich gute Idee mitbringen, und beraten wird nicht über das „WAS“, sondern nur über das „WIE“ der Gründung. Älteren Menschen, die während einer langjährigen Angestelltentätigkeit häufig nie eine Unternehmensgründung in Betracht zogen, wird diese Sichtweise nicht gerecht. Sie müssen nicht notwendiger Weise als „Gründerpersönlichkeit“ starten, sondern entwickeln diese Eigenschaft im Laufe ihres praktischen Tuns. Unternehmerische Kompetenzen sind in unserem Verständnis somit erlernbar, sie unterliegen wie jede andere Professionalisierung einem Sozialisationsprozess, den es zu unterstützen und zu begleiten gilt. Gründungen Älterer aus der Arbeitslosigkeit erfolgen in aller Regel niederschwellig. In unserem Verständnis sind das Gründungen, die mit geringen Eintrittsbarrieren in die Selbstständigkeit hinsichtlich des Finanzkapitalbedarfs und hinsichtlich des Humankapitalbedarfs erfolgen und die mit einem niedrigen Aspirationsniveau hinsichtlich Ertrag und Wachstum einhergehen. Sie sind somit eher Existenzsicherungsgründungen. Unterstellt wird solchen Gründern, dass ihre Motive überwiegend einer Ökonomie der Not gehorchten gegenüber anderen Gründungen, denen eher chancenorientierte Motive zugesprochen werden. Tatsächlich fanden wir in unserer Studie bestätigt, dass 46 % der von uns befragten Gründer überwiegend notorientierte Motive nannten. Dem stehen jedoch 32 % der Befragten gegenüber, die überwiegend chancenorientierte Motive angaben. Eine dritte Gruppe von Gründern mit einem Anteil von 22 % war beiden Polen nicht eindeutig zuzuordnen. Wir bezeichnen sie als opportunitätsorientierte Gründer, die nicht aus voller Überzeugung heraus gründen, sondern weil sich ihnen eine günstige Gelegenheit bot oder weil sie ausprobieren wollten, wie sie als Selbstständige zurechtkommen. Zu den Opportunitätsorientierten zählten wir auch jene Gründer, die wegen antizipierter schlechter Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder wegen erwarteter Einbrüche in ihrer Branche die Selbstständigkeit einer Anstellung vorziehen. Mit Hilfe einer Regressionsanalyse konnten wir ermitteln, welche Faktoren signifikant auf den Erfolg einer Existenzgründung einwirken. Als erfolgsentscheidend ermittelten wir die Fachkenntnisse und Berufserfahrung, das Gründungsmotiv, die Unternehmerpersönlichkeit, den Austausch mit Existenzgründern, die Unterstützung durch Partner und Familie und den hohen Bezug des Gründungsvorhabens zur früheren Tätigkeit. Keinen signifikanten Einfluss auf den Gründungserfolg hatten hingegen das Geschlecht, das Alter, der Migrationshintergrund sowie das Vorhandensein von finanzieller Unterstützung. Einen negativen Einfluss auf den Erfolg hatte es, wenn die Gründer Gründungsberatung als wichtig empfanden und wenn sie Marketing und Kundengewinnung als bedeutsam bewerteten. Letzteres Ergebnis mag zunächst überraschen, es zeigt jedoch, dass offensichtlich jene Gründer mit größeren Startschwierigkeiten einen höheren Beratungsbedarf haben, als er von den vorhandenen Angeboten abgedeckt werden kann, und dass sie mehr Hilfestellung zur Entwicklung einer geeigneten Marketing-Strategie benötigen. Gründungsberatung sollte sich nicht mehr überwiegend seminarförmiger, schulorientierter Vermittlungsformen bedienen, weil diese oft nicht den individuellen Bedarf der Gründer berücksichtigen. Gründer brauchen eher Mentoren, Praktika, Coaching und eine langfristige individuelle Begleitung ihrer Unternehmertätigkeit, da sie einem kontinuierlichen Anpassungsprozess an sich rasch ändernde Marktbedingungen unterliegt. Gründungsberatung geht immer noch von einem starren Geschäftsmodell aus und betrachtet zu wenig die Gründung als einen Entwicklungsprozess sowohl des Gründers als auch seiner Geschäftstätigkeit. Diese Sichtweise wird der modernen Marktdynamik nicht gerecht. Vielmehr muss es darum gehen, Gründer längerfristig zu begleiten und ihre strategischen Entscheidungen immer wieder gemeinsam mit ihnen zu reflektieren. ![]() Bernhard Ufholz Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) gemeinnützige GmbH Infanteriestraße 8, 80797 München Tel: 089/44108-36 ufholz.bernhard@f-bb.de www.f-bb.de | ||||||||
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